Juli Zeh: Neujahr

Rezension von Hansjörg Rothe

 

Anders als in ihrem Bestseller-Roman „Unterleuten“ über ein Dorf in Brandenburg wird hier keiner Randgruppe der Spiegel vorgehalten – diesmal geht es um den beruflich erfolgreichen Mittelstand aus dem Mittelpunkt der alten Bundesrepublik. Die in Bonn aufgewachsene, inzwischen zur brandenburgischen Verfassungsrichterin avancierte Juli Zeh wendet sich ihrer eigenen „Klasse“ zu und ist damit auf dem besten Wege, im guten Sinne des Wortes staatstragend zu werden. Wenn auch verschlüsselt, geht das Buch die großen Themen von Staat und Religion an, wobei durch Querverweise der Bezug zu „Unterleuten“ hergestellt wird. Und es darf durchaus positiv gewertet werden, dass die Reaktionen der großen Meinungsmacher im Literaturbetrieb auf „Neujahr“ überwiegend konsterniert bis schockiert ausgefallen sind.

Henning, den Helden der Novelle, zieht es Ende 2017 nach Lanzarote. So feiert er Neujahr mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern nicht in seiner „großen Göttinger Wohnung“, sondern dort. Seit zwei Jahren, genauer seit Ende Januar 2016, plagen ihn Panikattacken und andere psychosomatische Stresssymptome, die er sich mit der Geburt seiner Tochter und der daraus erwachsenden Verantwortung erklärt. Tatsächlich hat „ES“ (wie der bedrohliche, nicht klar benannte Sachverhalt im Buch umschrieben wird) andere Gründe – das wird im Laufe der Neujahrsparty und besonders auf einer einsamen Fahrradtour am Neujahrsmorgen klar. Auf der in einem Hotel gebuchten „Pauschal-Party“ erscheint nämlich ein „Franzose“, der anders als alle anderen ohne Familie unterwegs ist und mit Hennings Frau tanzt, als dieser gerade von seinen Kindern auf die Tanzfläche gezogen wurde. Im Traum sieht Henning seine Frau dann auf einer Couch „mit einer orientalischen Decke“ und besagtem Franzosen liegen, was am andern Tag eine ganze Kaskade an bisher verdrängten Erinnerungen zum Vorschein bringt  - dieser Rückblick bildet nun eine Geschichte in der Geschichte, am selben Schauplatz. Als vierjähriges Kind war Henning nämlich schon einmal auf Lanzarote gewesen und seine Mutter Ulla hatte sofort befürchtet, dass ihm diese in den 1980er Jahren unternommene Familien-Urlaubsreise wieder einfallen würde, als er ihr am Telefon von seinen Neujahrsplänen erzählte. Die Couch mit der Decke stammt aus einem Erlebnis jener Reise. Henning und seine zweijährige Schwester fanden ihre Mutter mit „Noah“, dem Gärtner. Der von den Kindern buchstäblich hinzu-gezogene Vater, der „zugedröhnt“ im Garten gesessen hatte, fährt sofort zum Flughafen und verschwindet sang- und klanglos aus der Geschichte, die Mutter lässt sich per Motorrad hinterherfahren und erleidet einen Verkehrsunfall.

Was ist eigentlich das Frauenbild der Deutschen? Mutter Ulla, die sich nach jener Reise scheiden ließ und in den kommenden Jahren ohne Mann für ihre Kinder aufopferte, hatte diesen offenbar nichts von der Jungfrau Maria erzählt, wohl aber dass in der alten Zisterne im Hof des Ferienhauses ein Monster hause, weshalb man keineswegs in der Nähe ihrer Öffnung spielen dürfe. So kommt es, dass der kleine Henning und seine Schwester sich über das Bild der Frau mit den roten Tränen in ihrem Zimmer wundern und später ihre Eltern aus der Zisterne befreien wollen, da das Monster sie vermutlich dort gefangen hielt. Als die Eltern plötzlich beide verschwunden sind und der Vierjährige sich um seine zweijährige Schwester kümmern muss, „… versteht [Henning], warum die Frau an der Wand rote Tränen weint. Sie wusste von Anfang an, was passieren würde.“ Vor der Gärtner-Szene hatte er bereits „… überlegt, ob ihr Weinen etwas mit dem Monster zu tun hat. Ob das Monster ihr die Kinder weggefressen hat, denn Kinder sind auf dem Bild nicht zu sehen.“

Das bedrohliche „Loch“ der Zisterne spielte schon in „Unterleuten“ eine zentrale Rolle. In einer „Martin Schulz über das Dorf der Abgründe“ betitelten FAZ-Rezension hatte dieser (damals noch Kanzlerkandidat und nicht der „Mann mit den Haaren im Gesicht“) geschrieben: „Am Ende ist der Mann in den Brunnen gefallen. So viel wird man verraten dürfen.“ Auf der Neujahrsparty auf Lanzarote wird über Schulz geredet, denn ein Ehepaar an Hennings Tisch stammt aus Würselen und kennt ihn noch aus seiner Zeit als Buchhändler. Henning interessiert sich jedoch nicht für Politik. Juli Zeh hingegen wuchs in Bonn nicht als irgendjemand auf, sondern als Tochter von Wolfgang Zeh, der nach einer langen Karriere in der Bundestagsverwaltung schließlich deren Direktor wurde. Dass sie in „Neujahr“ das plötzliche Verschwinden des Staates durch ein für die Kinder unerklärliches Verschwinden der Eltern verschlüsselt, leuchtet sofort ein. Hennings Schwierigkeiten beim Deuten der Medienerzeugnisse illustriert sie anhand jenes Lieblingssongs, bei dessen Erklingen auf der Neujahrsparty die Kinder ihren Vater auf die Tanzfläche ziehen: „Ai se eu te pego … Oh, wenn ich dich berühre. Was für ein unglaublicher Zufall, dass sich in irgendeinem Club der Welt, vielleicht in Lissabon, so viele schöne Frauen versammelten! Tagelang hatte Henning den Ohrwurm im Kopf und schaltete auf der Arbeit immer wieder in das Video hinein. Bis ihm einfiel, dass das Publikum natürlich gecastet war. … Henning verstand nicht, warum er Tage gebraucht hatte, um das zu begreifen.“

Man sollte Juli Zeh nicht vorhalten, dass sie „ES“ nicht beim Namen nennt – im Falle von Kamel Daoud, der eigentlich schon für den Prix Goncourt gehandelt worden war, reichte ein Interview über „Köln, die Stadt der Illusionen“ um eine Kampagne loszutreten in deren Ergebnis er die Schriftstellerei gänzlich an den Nagel hängte. Erst Ende Januar 2016 wurden die Ereignisse von Köln in der Öffentlichkeit bekannt – aber sofort wieder verdrängt. Was für ein unglaublicher Zufall, dass tausende Arabisch und Französisch sprechende Männer alle gleichzeitig vor dem Kölner Dom zusammengetroffen waren, niemand wollte die Möglichkeit des „Castings“ ins Auge fassen. Entsprechend ist der Schluss der Novelle schockierend durch die abrupte Rückkehr zur „Normalität“. Nach seiner erhellenden Radtour taucht Henning wieder in das gewohnte Familienleben ein als wäre nichts gewesen. Wie wird Henning in Zukunft mit dem Gefühl der Verantwortung für seine zweijährige Tochter umgehen? Nur mit seiner Schwester, für die er sich seit jener traumatischen Urlaubsreise immer noch verantwortlich fühlt, spricht er über die zurückgekehrten Erinnerungen. Gemeinsam finden sie alte Fotos und Henning telefoniert mit der Mutter. „Es ist Zeit, das Gespräch zu beenden. `Warum hast du mir nie davon erzählt?`, fragt Henning. Die Mutter atmet hörbar ein und wieder aus. ´Ich dachte, Vergessen sei eine Gnade`, sagt sie. Dann legt sie auf.“


„Psychosomatische Attacken“ verschwinden nicht ohne aktives Handeln, solange ES reale Gründe für sie gibt. Soviel macht die Autorin am Schluss der Novelle immerhin klar. Für Henning bedeutet das, seiner Schwester mitzuteilen, dass sie ihren seine Ehe belastenden Aufenthalt in seiner Wohnung beenden und endlich auf eigenen Beinen stehen müsse. Ist damit schon alles gut? „Ihre Jacke ist zu dünn, sie wird sich erkälten“, steht jedenfalls am Ende des Buches. „Henning öffnet das Fenster, ruft aber nicht. Er lässt den Zigarettengeruch hinaus.“
 

Luchterhand 2018, ISBN 978-3-630-87572-9