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Adam Fletcher: Wie man Deutscher wird - in 50 einfachen Schritten

Rezension von Inge Beer

 

Wissen Sie, worauf ein Ausländer achten sollte, wenn er Deutscher werden möchte? Nein? Und wissen Sie, was einen Deutschen so unverkennbar macht, dass er überall erkannt wird? Auch nicht? Dann gehört dieses Buch zur Pflichtlektüre, nicht nur für Ausländer.

Ob es die Hausschuhe vor dem Bett sind, das lange Frühstücken, das Lüften der Wohnung, sich gegen alles und jedes versichern, das rote Ampelmännchen, dem unbedingt Folge geleistet werden muss, das Schwarzfahren und der absolute Sinn fürs Praktische, die perfekt geplanten Reisen und die Wichtigkeit von Titeln ‒ hier werden in herrlich englischem Humor die großen und kleinen Absurditäten aufgezählt, die uns als Deutsche entlarven.

Fletcher erweist sich als ein ausgesprochen guter, genauer Beobachter. Er hält den Deutschen einen Spiegel vor, der zum Nachdenken anregen sollte, auch wenn er dies sehr humorvoll und nie verletzend tut.

Natürlich wissen wir alle, dass Eigenwirkung und Fremdwirkung mitunter so unterschiedlich sind wie Theorie und Praxis, aber gerade deswegen ist es gut, wenn man durch solch ein Buch wieder einmal daran erinnert wird. Fletcher belässt es allerdings nicht nur bei seiner humorigen Schilderung, wie wir Deutschen das tägliche Leben meistern, sondern erklärt auch, wie die Briten es handhaben. Und die werden dabei ebenso humorvoll geschildert, zugleich aber auch völlig wertfrei. Eventuelle Schlussfolgerungen bleiben dem Leser überlassen.

Gleichwohl hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass wir zwar sehr gut und sehr genau charakterisiert wurden, es uns aber gut anstünde, in manchen Dingen unser Verhalten kritisch auf den Prüfstand zu stellen. Sicherlich wird das Buch bei jenen Deutschen, die keinerlei Sinn für Humor oder Ironie haben, Protestgeschrei hervorrufen, aber für alle anderen ist es ein wunderbares Lesevergnügen, obwohl oder gerade weil sich der eine oder andere auf vielen Seiten in seinem Verhalten wiederfindet. Für Menschen, die auch einmal über sich selbst lachen können, ist das Buch die Liebeserklärung eines Briten an Deutschland.

Dreht der Leser das Buch um, kann er alles noch einmal in englischer Sprache lesen. Für mich war das sehr hilfreich, da ich nun weiß, wie man Sachverhalte erklärt, für die es gar keine Übersetzung gibt.

Angefangen hatte die ganze Sache mit einem Blog, den Adam Fletcher ins Leben rief und der zu seinem Erstaunen mehr als eine Million Leser fand. Tausende von Kommentaren erhielt er von Menschen, die ihm mitteilten, ob er Recht oder Unrecht hat mit seinen Ausführungen zum typisch deutschen Verhalten. Natürlich wurde diesem Umstand dann im Buch auch ein eigenes Kapitel gewidmet, nämlich das vom Klugscheißen.

Illustriert wurde das Buch von Robert M. Schöne, und die Zeichnungen sind dem Humor des Autors angepasst. Im englischsprachigen Teil finden sich andere Illustrationen als im deutschen Teil, so dass nicht das Gefühl der Gleichmacherei aufkommt.

Alles in allem eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die sich als Geschenk für humorvolle Landsleute ebenso eignet wie für Ausländer oder für einen selbst, um in tristen Stunden das Lachen nicht zu verlernen.