2_001\
 
 

 

Die Kongressberichte 2015, "Zwischen Fantasy und Phantasie". Der FDA in Mülheim an der Ruhr.

Zwischen Fantasy und Phantasie

Arbeitstagung des FDA „Fantasy – Genre zwischen Mythos und Manga“ vom 4. - 6. 12. 2015 in Mülheim/Ruhr

 

Märchenhaft, dieses weiße Schloss mit seinen Bogenfenstern, Erker und Türmchen. Wenn da nicht die Ideen sprießen, dachte ich, als ich die Wolfsburg, unseren Tagungsort, erspähte und in mir begann sich eine leise Vorfreude zu regen. Aber gleichzeitig hatte ich ein mulmiges Gefühl, denn zu Beginn stand die Bundestagung auf dem Programm und damit die Frage, wie es mit dem FDA weitergeht. Nach einer ausführlichen Aussprache aller Beteiligten konnte der Präsident im Amt bestätigt und alle Funktionen des Präsidiums wieder besetzt werden. Im Anschluss planten wir noch die nächste Arbeitstagung zum Thema Reformation 2016 in Thüringen.

 

Und dann ging es los. Gelöst und entspannt verfolgte ich  den sehr interessanten Kurzvortrag über die Entwicklung des Ruhrgebiets von Hans Kuhn.  Da im Muttental die Steinkohle fast an der Oberfläche lag und im Tagebau abgebaut werden konnte und bei Köln auch noch Braunkohle vorhanden war, entstanden  um 1900 die ersten Zechen, die Eisenerz verhütteten. Schon damals reichten die Arbeitskräfte nicht, so dass eine halbe Million polnische Arbeiter angeworben wurde. In den 1950iger Jahren, zu Zeiten des Wirtschaftswunders, lebten in der Region, die einen Durchmesser von 90 km hatte, über fünf Millionen Menschen in 53 Kommunen. Es war die größte Industrieregion Europas. Als die Stein- und Braunkohlevorkommen zu Ende gingen, wurde andere Unternehmen in der Region angesiedelt, u. a. ein Opel-Werk in Bochum bzw. die alten Fabriken wurden kulturell genutzt. Nach 1966 wurden die Fernuniversität Hagen sowie die Universitäten in Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen gegründet. Heute wird im Ruhrgebiet wieder zu 41% Landwirtschaft betrieben.

 

Nachdem wir uns an einem leckeren Büfett gestärkt hatten, folgte der Vortrag von Dr. Frank Weinreich über die Bedeutung und die historische Entwicklung der Fantasy-Literatur, dem Genre der unbegrenzten Möglichkeiten. Der zentrale Inhalt dieses Genre ist die Annahme des faktischen Vorhandenseins und Wirkens metaphysischer Kräfte oder Wesen. Fantasy wurzelt im Mythos und der Sagenwelt und berichtet vom Unmöglichen. Es muss ernsthaft erzählt werden, aber es besteht  kein Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Science Fiktion dagegen berichtet vom noch nicht Möglichem. Es verstößt nicht gegen die bekannten Naturgesetze, Fantasy schon. Aus den Mythen, Sagen und Legenden der Antike und des Mittelalters entwickelte sich die Fantasy- und die  Science-Fiktion-Literatur der Neuzeit. Besonders der 1. Weltkrieg übte einen prägenden Einfluss aus.

 

Von den „Short Shorts“ der Tagungsteilnehmer, die anschließend gelesen wurden, ist mir besonders die Geschichte von Inge Beer über ihre eigene Beerdigung in guter Erinnerung geblieben.

 

Am nächsten Tag arbeiteten wir mit Dr. Manfred Luckas am Mythos. Der Mythos hat nie stattgefunden und kann dadurch immer neu erzählt werden, ist also ein zeitloses Bild. Die Mythen versuchen durch das Erzählen Schrecken umzuwandeln und ihn dadurch zu bannen. Erstaunlich, wie viele Mythen wie Nike, Phaeton oder Hermes wir aus unserem Alltag kennen. Manchmal scheint allerdings deren Bedeutung nicht ganz klar zu sein. Als nächstes untersuchten wir, wie unterschiedlich sich Schriftsteller dem Mythos von Max Schmeling, Herkules und Ikarus näherten. Durch Weglassen bzw. Hinzufügen von Informationen schufen sie verschiedene Schwerpunkte. Nun durften wir selbst über unsere Mythen schreiben und die kleinen Geschichten dann vorlesen. Sie reichten von Familien- bis zu Heldenmythen.

 

Im nächsten Workshop klärte uns Prof. J. Martin über die Strukturen, Plots und Charaktere der Fantasy-Erzählungen auf. Die Dramaturgie basiert auf einer Eskalation von Konflikten, die aufeinander aufbauen. Das Grundgerüst ist oft die Heldenreise ( Ruf zum Abenteuer,  Verweigerung des Rufs, dann doch Aufbruch, Abenteuer (Prüfungen), Überschreiten der Schwelle (zur Unterwelt), Lösen der Aufgaben zum Teil mit übernatürlicher Hilfe oder eines Amuletts oder Elixiers,     Verlassen der Unterwelt, Zurückkommen in die Alltagswelt, Retten der Welt durch neues Wissen bzw. neuer Macht). Die Heldenreise spiegelt den Lebenslauf wieder bzw. sie kann auch wie in der Odyssee eine Heimreise sein. Diesem Schema folgen oft die griechischen Dramen. In der modernen asiatischen Fantasy folgt nach der Einleitung die Entwicklung, dann die plötzliche Wendung und zum Schluss die Conclusion. Es ist ein Konflikt zwischen Vorstellung und Erwartung. Die japanischen Fantasy-Geschichten beginnen mit Liebe, Glück und Frieden, gefolgt von Kriegern und Schlachten, dann kommt der Pathos und die Tragödie, anschließend erfolgt eine Reise mit Musik und Tanz und wieder die Rückkehr zu Liebe, Glück und Frieden. Eine weitere Möglichkeit ist der Repetition-Break, wenn sich Dinge wiederholen, oft dreimal, bis sie überraschend aufgebrochen werden. Diese Erzählstruktur findet sich oft in Märchen, wenn z. B. drei Prüfungen abgelegt werden müssen. Dann gibt es noch das verschachtelte Erzählprinzip, wie in „Tausend und eine Nacht“, in der auf mehreren Ebenen erzählt wird.

 

Der Plot beruht auf dem Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist, der nicht immer gut bzw. böse sein muss, sondern die beiden können, wie bei Antigone, auch unvereinbare Interessen haben.

Als Charaktere gibt es nicht nur den Protagonisten und den Antagonisten, sondern häufig auch den Wächter und den Anti-Wächter (Contagonist), der den Protagonisten zum Bösen verführen, aber nicht vernichten will, den Skeptiker, den Vernünftigen, den Impulsiven, den Mentor und den treuen Komiker. Der Protagonist muss nicht der Hauptcharakter sein, wodurch aus verschiedenen  Perspektiven erzählt werden kann. Ein Beispiel hierfür sind die Kriminalgeschichten von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Während  Sherlock Holmes als Protagonist die Handlung vorantreibt, sieht der Leser das Geschehen durch die Augen von Dr. Watson, der auch nach links und rechts schauen und die Handlung reflektieren kann.

 

Nach dem Mittagessen konnten wir unserer Phantasie und Kreativität freien Lauf lassen und entweder mit Blei- oder Kohlestift, Wachskreide, Acryl- oder Aquarellfarben oder mit Stoff, Vlies, bunten Bändern, Glitzerfäden und vielem mehr unsere Phantasiefigur oder -landschaft erschaffen. Nach einer kurzen Überlegungsphase und mit den Hinweisen von Rosemarie Bühler und Marlies Strübbe-Tewes hantierten alle eifrig mit den verschiedenen Materialien. Für diesen Workshop hätte ruhig mehr Zeit eingeplant werden können; gab es doch so viele unterschiedliche Dinge, die wir alle gern ausprobiert hätten. Aber um 15.00 Uhr war noch ein Ausflug zum Duisburger Binnenhafen geplant, so dass wir uns beeilen mussten.

 

Nach einer kurzen Busfahrt waren wir schon in Duisburg angekommen, da die beiden Städte so eng zusammen liegen dass man gar nicht merkt, wie die eine in die andere übergeht. Die Führung begann am Rathaus, wo sich im Mittelalter ein fränkischer Königshof befand. Dieser lag unmittelbar am Rheinufer, was schwer vorstellbar ist, da der Rhein im Jahre 1000 sein Bett westwärts verlagerte. Wir schauten noch kurz in die daneben stehende spätgotische Salvatorkirche, die erstmals 1316 urkundlich erwähnt wurde. Danach verließen wir die Anhöhe und liefen zum im 19. Jahrhundert angelegten Binnenhafen, der aus einem bis ca. 1400 toten, aber schiffbaren Rheinarm hervor ging. Hier floss vor vielen Jahrhunderten der Rhein, der bis ins 5. Jahrhundert die Grenze zum römischen Reich bildete. Kalter Wind pfiff uns um die Ohren, obwohl das Thermometer Plusgrade zeigte. Trotzdem standen wir staunend am Wasser und betrachteten die alten Getreidemühlen und Speichergebäude, die, zusammen mit interessant gestalteten Neubauten wie Five Boats, zu Bürogebäuden, Museen, Gaststätten und Wohnungen umgebaut wurden waren. Sogar die alten Hafenkräne stehen noch an ihrem Platz. Danach liefen wir durch den Garten der Erinnerung, vorbei am neugebauten jüdischen Gemeindezentrum und der Synagoge und überquerten auf kleinen Brücken die schmalen Kanäle, die mitten durch eine Wohnanlage fließen. Hier wohnt es sich sicher sehr angenehm und der Bootsliegeplatz ist ganz in der Nähe. Ein wirklich sehr gelungenes Beispiel für den Strukturwandel im Ruhrgebiet.

 

Nach dem Abendessen kamen wir am Büchertisch bei einem Glas Sekt ins Gespräch und den Tagesabschluss bildeten wieder die „Short Shorts“ der Tagungsteilnehmer. Die Geschichten wurden in einem Reader veröffentlicht und können nachgelesen werden.

 

Am nächsten Morgen durften wir unsere eigene Welt erschaffen. Doch zuvor bekamen wir von Dr. Regina Schymiczek noch eine Einführung. Die High Fantasy beschäftigt sich mit der Entwicklung von Reichen und Imperien und folgt einem umfangreichen Gesamtkonzept. Ein Beispiel hierfür ist „Der Herr der Ringe“. Die Low Fantasy beschränkt sich dagegen auf einzelne Charaktere und deren Alltagsleben und die Contempery Fantasy ist die zeitgenössische Fantasy. Jetzt sollten wir uns überlegen, in welcher Welt, welcher Zeit und mit welchen Personen unsere Geschichte handelt und die Einleitung schreiben. Wie waren wir erstaunt, als wir danach unser Blatt an unseren linken Nachbarn weiterreichen und die Geschichte unseres rechten Nebenmannes zu Ende bringen mussten. Nach anfänglicher Verwunderung schrieben alle fleißig. Beim Vorlesen der Geschichten waren wir über die Ergebnisse ganz erstaunt. Jeder hatte sich in den Text des anderen eingefühlt. Spontan bot Uwe Kullnick an, die entstandenen Geschichten in der Literaturzeitschrift LITERÀBILES zu veröffentlichen.

 

Mit einer kleinen Kabarettnummer ging diese erlebnisreiche Tagung zu Ende. Mit meiner Phantasielandschaft unter dem Arm verließ ich froh und gutgelaunt die Wolfsburg. Eigentlich hatte ich gar nicht kommen wollen...

 

 

Anne Meinecke

Kleist-Tage des FDA 2011

Arbeitstagung 2012 des FDA in Hofgeismar

FDA Kongresse

Arbeitstagung 2013 Bad Bevensen

Jahrestagung des FDA in Ismaning, München  2014

2015 NRW Kongress

 
 
 
 
 

Joomla Templates by Joomla51.com